Böll – Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Inhalt und Interpretation der engagierten Erzählung

Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum - dtv
Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum - dtv
Die junge Haushälterin Katharina Blum gerät in das Visier der ZEITUNG: Nach und nach wird ihre Ehre demontiert, bis sie sich zuletzt zur Wehr setzt ...

Die fiktive Erzählung steht unter einem vielsagenden Motto: "[...] Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der "Bild"-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich."

Biografie und Charakter der Katharina Blum

Die Titelfigur Katharina Blum ist eine hübsche, junge Frau mit allerlei Tugenden: Sie ist stolz aber nicht eingebildet, treu, spar-, arbeits- und enthaltsam. Ihre als Trinkerin verrufene Mutter liegt krebskrank im Krankenhaus, ihr Bruder Kurt sitzt im Gefängnis. Doch Katharina lernt früh, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen: Ihr Vater, ein im Krieg verwundeter Bergarbeiter, stirbt, als sie sechs Jahre alt ist. Angesichts der schwierigen finanziellen Lage der Familie muss sie früh im Haushalt und bei Arbeiten im Dorf helfen. Durch ihre Patentante und Freundin Else Woltersheim bekommt sie nach ihrer Schulzeit eine Stelle als Metzgereigehilfin und besucht in den Folgejahren eine Hauswirtschaftsschule. Nach einem sehr guten Abschluss nimmt sie einige Stellen an und heiratet 1968 den Textilarbeiter Wilhelm Brettloh. Die Heirat hält jedoch nur einige Monate – Katharina lässt sich scheiden. Eine Zeitlang arbeitet sie als Wirtschafterin für Dr. Fehnern und bildet sich nebenbei weiter. Nachdem der Wirtschaftsprüfer wegen Steuerhinterziehung verhaftet wird, arbeitet sie freiberuflich. Sie erhält eine Stelle bei dem ihr wohl gesonnenen Ehepaar Dr. Blorna und nimmt zusätzliche Stellen an. Durch Fleiß und Sparsamkeit gelingt es ihr nach und nach eine Eigentumswohnung abzubezahlen sowie einen Volkswagen zu erwerben.

Ein Tanz, die Zeitung und der Verlust der Ehre

Am 20. Februar 1974 besucht sie eine private Karnevalsfeier ihrer Tante Woltersheim. Dabei lernt sie den jungen Ludwig Götten kennen, tanzt mit ihm und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Am nächsten Morgen stürmt ein Trupp schwer bewaffneter Polizisten ihre Wohnung. Von dem wegen Raub und Mordverdacht gesuchten Götten fehlt allerdings jede Spur. Katharina Blum wird verhaftet. Es folgen zahlreiche Verhöre, innerhalb derer ihr Leben bis ins kleinste Detail durchleuchtet wird. Alles scheint verdächtig – der Kilometerstand ihres Autos, gelegentliche Herrenbesuche und ein bei ihr gefundener kostbarer Ring. Schlimmer jedoch, dass sie in den Focus der ZEITUNG gerät: Diese stellt sowohl als gefährliche Terroristin wie auch als leichtfertiges Flittchen dar, interviewt ihren Ex-Ehemann, ehemalige Arbeitgeber und Dr. Blorna, wobei sie Aussagen bewusst gegen sie verdreht. Katharina erhält perverse Anrufe, die Menschen gehen ihr aus dem Weg. Schrittweise wird ihre Ehre demontiert. Götten wird schließlich im Ferienhaus des prominenten Industriellen Sträubleders – der hinter den ominösen Herrenbesuchen stand, der ablehnenden Katharina den Ring schenkte und ihr den Schlüssel für das Ferienhaus überließ, verhaftet. Der Deserteur hatte die Regimentskasse mitgehen lassen. Doch selbst auf sein entlastendes Geständnis hin lässt die ZEITUNG nicht von Katharina ab.

Der Tod von Mutter Blum und der Mord an Töttges

Stattdessen spitzen sich die Geschehnisse noch zu: Für ein Interview verschafft sich der Journalist Werner Töttges gegen ärztliche Weisung Zutritt zur eben operierten Mutter Katharinas. Mit dem Schicksal ihrer Tochter konfrontiert stirbt die schwer kranke Frau. Doch von Reue keine Spur, im Gegenteil: Katharina wird von der ZEITUNG noch als Mörderin ihrer Mutter bezeichnet. Das Ehepaar Blorna und ihre Patentante kümmern sich aufopferungsvoll um sie, und am Samstagabend wirkt sie erstaunlich ruhig. Sie verkleidet sich für den Karneval und vereinbart ein Interview mit Töttges. Am Sonntagvormittag treffen sie sich. Töttges kommt ihr mit Geld und wird zudringlich, worauf Katharina eine vorher besorgte Pistole zieht und den Journalisten erschießt. Kurz danach stellt sie sich.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum – Kritik an Sensationsjournalismus

Die Erzählung stellt eine schonungslose Anklage gegen sensationslüsternen Journalismus dar, dem Schlagzeilen wichtiger sind als die Wahrheit und das Schicksal von Menschen – der bereit ist die Reputation, Sicherheit und Gesundheit mutmaßlich Unschuldiger einer hohen Auflage zu opfern. Katharinas einzige Schuld bestand darin, einem geliebten Menschen zur Flucht verholfen zu haben. Daraufhin wird ihr mühsam und unter den schlechtesten Voraussetzungen aufgebautes Leben durch Lügen und Unterstellungen zerstört. Die ZEITUNG schwingt sich zum gesellschaftlichen Richter auf, für den vor dem juristischen Urteil keine Unschulds-, sondern eine Schuldvermutung besteht. Der Untertitel der Erzählung lautet "Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann": Indem die ZEITUNG Katharinas Ehre ermordet, macht sie eine unbescholtene und geradezu vorbildliche Bürgerin – im Nachwort bezeichnet Böll sie als das "verkörperte Wirtschaftswunder" – zur Mörderin.

Heinrich Böll – Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Medien

Gleichzeitig kritisiert Böll die Verflechtung von Wirtschaft, Politik und den im Fall der ZEITUNG keineswegs unabhängigen Medien. Auf Betreiben des Staatsanwalts Lüding gerät dessen langjähriger Freund Dr. Blorna in das Visier der ZEITUNG, während Sträubleder aus der Schusslinie genommen wird. Die Vorwürfe sind die immergleichen – die Erzählung entlarvt dahingehend die repressive Stimmung der 1970er Jahre: Blornas Frau wird als "rote Trude", er selbst als "linker Anwalt", Frau Woltersheim und Katharinas verstorbener Vater werden als "Kommunisten" bezeichnet. Die Republik stand immer noch im Zeichen des Antikommunismus, der sich seit 1970 durch die terroristischen Aktivitäten der RAF neu legitimierte. Vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund wurde Bölls Erzählung immer wieder als "Terroristenroman" bezeichnet – obwohl kein einziger Terrorist darin vorkommt. Vielmehr kann sie als Kritik an einer hetzerischen Presse gesehen werden, die aus Unschuldigen Terroristen macht. Der Einfluss der ZEITUNG wirkt dabei weit und nachhaltig: Die Familie Blorna gerät wegen ihres Engagements ins gesellschaftliche und berufliche Abseits.

In seinem zehn Jahre später verfassten Nachwort findet Heinrich Böll klare Worte: "ZEITUNG ist derart vollgesogen von Verlogenheit, daß in ihr sogar eine unverfälschte Tatsache als Lüge erscheinen wird." Und er lässt keinen Zweifel daran, wen er mit der Zeitung meint. Seine Kritik wurde durch den Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff untermauert. Dieser schleuste sich 1977 einige Monate lang anonym in die "Bild"-Redaktion ein und enthüllte danach in einigen Publikationen zweifelhafte Praktiken der Zeitung. Zusätzlich beweisen eine Reihe von Urteilen und Skandalen, wie nahe das fiktive Schicksal der Katharina Blum der Realität kommt. Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" ist in seiner Aktualität ungebrochen.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. dtv Verlag 2009. Taschenbuch, 160 Seiten. Euro 5,90.

Thomas Sedlmeyr, Thomas Sedlmeyr

Thomas Sedlmeyr - Studium der Deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Ethnologie in Augsburg. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und ...

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